Dauertest: Fizik Terra Argo X1

Kurz, breit, komortabel? So fährt sich der noble Italo-Sattel fürs Gravelbike.

Text & Fotos: Jan Holbeck | 20.02.2022

Kaum ein Teil am Gravelbike hat größeren Einfluss auf den Komfort als der Sattel. Das weiß auch Jan Holbeck. Er hat schon so manchen Sattel ausprobiert. Für den Gravel Collective Dauertest hat er sich jetzt den Fizik Terra Argo X1 unter den Hintern geschnallt. Wie ihm das Teil gefallen hat, verrät er hier.

Es sind viele Faktoren, die bei dem rundum gelungenen Erlebnis auf dem Gravelbike zusammenkommen. Aber einer der wichtigsten Punkte ist definitiv die Wahl des passenden Sattels. Ich habe schon so manches Modell ausprobiert, das so gar nicht mit meinem besten Freund harmonieren wollte. Und mit dem besten Freund meine ich meinen Hintern. Besonders beim Kauf von neuen Fahrrädern ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass der vom Hersteller ab Werk montierte Sattel nicht zum Gesäß passt.

Passen ist übrigens wörtlich gemeint. Denn bei meiner ersten Alpenüberquerung im Jahre 2011 schwor mich mein Bike-Kumpel Willi auf eine lange Suche ein: „Sättel sind wie Schuhe. Die Schuhe müssen zu deinen Füßen passen, der Sattel zu deinem Hintern.“ Und tatsächlich entpuppte sich die Suche nach „meinem“ Sattel als eine eigene Wissenschaft.

Mein jüngster Proband in einer mittlerweile beachtlichen Testreihe: Der Fizik Terra Argo X1.

Italiener mit kurzer Nase

Der Sattel verfügt im Vergleich zu anderen Modellen über eine auffällig kurze Nase. Fizik hat ihn extra für Touren mit dem Gravelbike entwickelt und dabei die Expertise erfahrener Mediziner genutzt. So soll sich der Terra Argo merklich von seinen Argo-Geschwistern unterscheiden. „Terra“ steht bei Fizik übrigens für alle Produkte rund ums Gravelbike, „Argo“ steht für Sättel mit kurzer Nase und das "X1" im Namen zeigt, dass wir es hier mit dem 199 Euro teuren Spitzenprodukt von Fiziks Gravelbike-Sätteln zu tun haben. Seine günstigeren Brüder heißen Terra Argo X3 (139 Euro) und X5 (99 Euro) und unterscheiden sich vor allem im verwendeten Material und entsprechend auch dem Gewicht.

Unabhängig von der Zahl hinter dem X bringt die kurze Form des Terra Argo Biker:innen in eine "gepflanzterte Position", was für eine bessere Gewichtsverteilung und mehr Stabilität sorgen soll. Herzstück des Sattels ist eine Nylonschale, deren nachgiebige Konstruktion ihm eine gewisse Flexibilität verleiht. Damit sollen Vibrationen aufgenommen und Stöße absorbiert werden. Dazu soll der Sattel den unteren Rücken stützen und so speziell auf Langstrecken besonderen Komfort bieten. Das Design der Sattelnase ermöglicht zudem eine Rotation des Beckens.

Einer, oder besser gesagt zwei der Unterschiede im Vergleich zu seinen "kleinen Brüdern" X3 und X5 sind die Carbon-Streben des X1.

Gut gedämpft

Für den Argo kommt Fiziks eigens entwickelter Typ 2 Schaumstoff zum Einsatz. Im Bereich der Sitzknochen ist dieser etwas dicker, wodurch eine aufrechtere Fahrposition unterstützt wird. Die Dämpfung ist im Vergleich weicher und so unterscheidet sich der Härtegrad zu herkömmlichen Rennradsätteln.

Der Terra wird in zwei verschiedenen Breiten angeboten, die vom Abstand der Sitzknochen abhängig sind. Abschließend sei noch der ergonomische Ausschnitt erwähnt. Der sogenannte Cut-Out in der Mitte des Sattels soll den Druck im Dammbereich reduzieren. Diese Aussparung ist nach unten hin geschlossen, hat aber einen kleinen Schlitz. So kann sich etwa kein Wasser sammeln.

Die wellenartige Form des Sattels sieht nicht nur schön aus, sie ist auch von der Haptik sehr angenehm. Der Sattel liegt auf 7x9 mm dicken, leicht ovalen Carbon-Streben. Diese halten in Kombination mit der Sattelstütze an meinem Focus Atlas mit Klemmung von oben und unten problemlos. Nach rund 300 Testkilometern bei bestem Herbst- und Winterschlamm beweist sich diese Paarung bislang übrigens als völlig geräuschlos.

Komfort-Update: Jan fährt den Fizik Terra Argo X1 auf seinem Focus Atlas 6.8.

Die erste Fahrt

Für den ersten richtigen Einsatz des neuen Sattels habe ich eine knapp 85 Kilometer lange Runde durch meine geliebte Heimat geplant: die Eifel. Dabei standen kurze und längere Anstiege auf dem Programm. Das eifeltypische Wellenprofil eben mit Gegebenheiten, die einen im Sattel fordern können und ordentlich Druck auf den "Allerwertesten" ausüben.

Beginnend mit den leichten Höhen der Voreifel startete meine innere Suche nach dem Druckgefühl am Hintern. Vergeblich. Ich saß angenehm und konnte mich so voll auf die Tour, aber vor allem auf die Natur konzentrieren. Das zog sich so durch. Spätestes an der Auffahrt zum Steinerberghaus im Ahrtal, eine kurvenreiche Straße, die sich auf gut 4,5 Kilometern mit etwa 300 Höhenmetern zur Hütte hinaufzirkelt, erwartete ich nun eine entsprechende Reaktion meines Hinterns. Doch oben angekommen merkte ich nach wie vor: nichts.

Natürlich hängt der Sitzkomfort auch vom richtigen Polster ab. Dieses bildet eine Einheit mit dem Sattel und fungiert sozusagen als Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine. Manche Biker:innen verwöhnen sich dazu noch mit Sitzcreme. Trotz meiner ja gleichbleibenden Sitzpolster merke ich einen enormen Unterschied in Sachen Komfort und Stabilität. Oder um es auf den Punkt zu bringen: Ich sitze richtig gut im Sattel.

Bei den folgenden Touren denke ich schon gar nicht mehr an den "neuen" Sattel. Der neue Sattel und mein bester Freund, sie wirken wie alte Kumpels. Bei anderen Sätteln stehe ich manchmal bewusst auf oder versuche, meine Sitzposition zu variieren. Mit dem Fizik Terra mache ich das ganz unterbewusst nicht.

Besondere Merkmale des Gravelbike-Sattels sind die kurze Nase und die breite Form.

Die Daten

Der Fizik Terra Argo X1 im Detail

HerstellerFizik
BezeichnungTerra Argo X1
Breiten150 mm, 160 mm
Länge270 mm
Gewicht*210 Gramm
Streben

Carbon, 7x9 mm

Materialkohlefaserverstärkten Nylonschale und Karbonstreben
FarbeSchwarz
Preis199 Euro

*gewogen


Das hat uns gefallen ...

+ hoher Komfort

+ stabile Sitzposition

+ wenig schmutzanfällig

... und das nicht so sehr

- recht teuer

Jans Fazit: „Der Fizik Terra Argo X1 lässt meinen Hintern einfach in Ruhe – und mein Hintern mich. Ich kann mich voll und ganz aufs Fahren konzentrieren. Und genau das gefällt mir sehr gut. Auch das Design des Sattels überzeugt. Er wirkt robust und ist kein Schmutzfänger. Mein klares Fazit: So schnell gebe ich diesen Sattel freiwillig nicht mehr her."

Mit offenen Karten

Ganz klar: Ohne Support auch aus der Fahrradbranche können wir die Idee des Gravel Collectives nicht leben. Aber uns ist es wichtig, euch darüber zu informieren, wo und wie wir unterstützt werden. Wir spielen mit offenen Karten.

Konkret hat uns Fizik für diesen Artikel den Sattel kostenfrei zur Verfügung gestellt. Auf die Inhalte und Abläufe hatte Fizik keinerlei Einfluss.


Über Jan: Der Mann aus dem Rheinland ist von Haus aus eigentlich Mountainbiker. Auf der Suche nach einer schnellen und vielseitigen Lösung für die gut 20 Kilometer zur Arbeit verguckte er sich jedoch in ein Gravelbike: Das Canyon Grail AL. Bald folgte das vollausgestattete Cube Nuroad Pro FE als Pendlerbike, während das Canyon Grail AL mehr und mehr für den eher sportlichen Einsatz am Wochenende eingesetzt wurde, dann geriet Jan in die Fänge des Gravel Collectives und ist seitdem komplett verloren. Mittlerweile verantwortet er gemeinsam mit Marc den Gravel Club Rheinland und bietet dabei regelmäßig spannende und mit Leidenschaft gescoutete Touren an. Für die Saison 2022 ist er zudem ganz frisch auf das Focus Atlas 6.8 umgestiegen.

Folgt Jan auf Instagram.

Foto: Dan Zoubek

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