Text: Felix Krakow | Fotos: Dan Zoubek | 26.01.2022

Auf unbefestigten Wegen quer durch Deutschland: Die Abenteuerfahrt „Candy B. Graveller“ führt auf der Route der Rosinenbomber von Frankfurt nach Berlin. Ein Rückblick auf die Candy-Premiere im April 2017.

„Viel! Zu! Kalt! „Aufstehen! Wir müssen los“, dringt Dans müde, aber doch auffordernde Stimme durch die dünne Haut meines Ein-Mann-Zelts. Ich drücke auf den Knopf des Radcomputers, der neben mir übernachtet hat. 5 Uhr steht auf dem Display. Viel mehr schockiert mich die Zahl daneben: 1 °C. „Vergiss es“, murmele ich in Dans Richtung und verkrieche mich in der Tiefe meines Schlafsacks. „Ich will schlafen. Mir ist kalt. Außerdem ist Sonntag!“. Aber er hat ja recht. Wenn wir Berlin irgendwie noch halbwegs im Zeitrahmen erreichen wollen, müssen wir schnell wieder aufs Rad.

Berlin. Das große Ziel der Premiere des „Candy B. Graveller“. Diese Abenteuerfahrt von Frankfurt am Main in die Hauptstadt. „Candy B.“ steht für Candy Bomber und bedeutet, dass wir entlang des Flugkorridors der legendären Rosinenbomber unterwegs sind. Im Gepäck ein kleines Carepaket für eine Kinderhilfseinrichtung. Der Zusatz „Graveller“ macht klar: Über Asphalt führen nur wenige der insgesamt rund 650 Kilometer. Über Gravel, also Schotter, wie mein Kumpel und Fotograf Dan und ich leichtsinnigerweise angenommen hatten, allerdings auch nur ab und an. Denn die emsigen Strecken-Scouts haben so ziemlich jeden Untergrund ins Streckenprofil gepackt, den sie finden konnten. Etwa breite Waldwege, schmale Trails, sumpfige Wiesen, Sand, tiefen Schotter, Kopfsteinpflaster, ruckelnde Panzerplatten oder Bachfurten, um nur eine Auswahl zu nennen.

Ganz klar: Fehlende Abwechslung können wir ihnen nicht vorwerfen. Und da es dabei in Spessart, Rhön und Thüringer Wald auch noch häufig verdammt steil bergauf geht, kommen ich auf meinem auf Langstrecke getrimmten Focus-Crosser und Dan auf seinem brandneuen Gravel-Racer - einem Rondo Ruut ST - langsamer voran, als wir es vom Rennrad gewohnt sind. Viel langsamer! Dazu abends das Zelt aufbauen und das Nachtlager richten, morgens alles wieder abbauen, tagsüber zwischendurch etwas essen, Fotos machen, Defekte – alles kostet viel mehr Zeit, als wir uns das vorgestellt haben. Und so haben Dan und ich, als wir am Samstagabend auf einer Lichtung irgendwo hinter Fulda in unsere Zelte krabbeln, gerade mal knapp 200 Kilometer auf dem Tacho. Nach anderthalb Tagen. Gut 80 weniger als geplant.

Wo bitte geht's denn hier nach Berlin? Breite Waldwege, schmale Trails, sumpfige Wiesen, Sand, tiefen Schotter, Kopfsteinpflaster, ruckelnde Panzerplatten oder Bachfurten: Die emsigen Strecken-Scouts haben so ziemlich jeden Untergrund ins Streckenprofil des Candy B. Graveller gepackt, den sie finden konnten.

Apropos Zelte: Auch die gehören beim „Candy B. Graveller“ zum Programm. Denn bei der Abenteuerfahrt nach Berlin handelt es sich um ein Bikepacking-Event im Selbstversorger-Modus. Das bedeutet: Geschlafen wird in der Regel in dem am Rad transportierten Zelt, in Schutzhütten oder auch mal an einer überdachten Bushaltestelle.

Und so heißt es an einem eiskalten Sonntagmorgen Ende April: raus aus dem Schlafsack und rein in die klammen Radklamotten. Genau das Richtige für einen ausgewiesenen Morgenmuffel wie mich. Einziger Lichtblick: Kaffee! Also schüttle ich kurz die Eiskristalle von der Zeltplane und hole Topf und Spirituskocher im Mini-Format aus der Tasche am Lenker. Zehn Minuten später hocken wir bei frisch aufgebrühtem Kaffee und Power-Müsli in einer Schutzhütte und blicken über die Wiese runter ins Tal. Im Wald hinter uns blinzeln die ersten Sonnenstrahlen schüchtern über die Baumwipfel. Die Vögel trällern um die Wette. Unsere Räder lehnen zur Abfahrt bereit an der Hütte. Das Leben hat wieder einen Sinn! „Das ist der beste Kaffee meines Lebens – auf seine Art“, schwärmt Dan.

Durch den Wald geht es gen Osten. Kurbel­umdrehung für Kurbelumdrehung ein bisschen näher an Berlin. Schnell wird uns warm, und als Dan sich eines seiner vielen im Zwiebelprinzip applizierten Unterhemden entledigt, holen Christoph und Doreen uns ein. Auch das junge Pärchen aus Dresden stürzt sich hier zum ersten Mal in ein Bikepacking-Abenteuer. „Heute Nacht haben wir allerdings in Fulda in einer Pension geschlafen“, gesteht Christoph ehrlich ein.

Kein Problem, der strenge Selbstversorger-Kodex erlaubt das. Nur vorher arrangiert darf die Übernachtung nicht sein. Schon gestern hatten wir die beiden immer mal wieder gesehen, und auch jetzt fahren wir ein paar Kilometer gemeinsam, bis uns ein Anstieg, eine Pause oder ein Fotomotiv wieder trennen. Auch das gehört hier dazu. Spontan zusammenfahren ist super, Windschattenfahren dagegen verpönt. Aber wann sollte man das bei dieser Streckenführung auch machen? Zumindest auf den ersten 300 Kilometern gibt es kaum ein gerades, flaches Stück. Wandern die Hände doch mal in der Hoffnung auf schnelles Vorankommen kurz an den Unterlenker, biegt die Route garantiert unmittelbar danach scharf ab. Jedes Mal!

„Pfffffffffffffffffffff“

Überhaupt entpuppt sich die Fahrt bald als ständiges Auf und Ab. Sowohl topografisch als auch emotional. Wie oft fluche ich, weil ich auf sandigem Untergrund kaum vorwärtskomme, weil ich den supersteilen Schotterweg am Weinberg hochschieben muss, weil die Hände von der Fahrt über die Ruckelpiste schmerzen! Wie oft schwärme ich, weil hinter der Kurve ein traumhafter Blick über dieses wunderschöne Land auf mich wartet, weil es plötzlich über einen schmalen, flüssig zu fahrenden Traum-Trail durch einen Zauberwald geht, weil ich sowohl im Fahrerfeld als auch unterwegs immer wieder freundliche und hilfsbereite Menschen treffe!

Doch dann erwischt sie mich, die Krise. Morgens, halb zehn in Deutschland. Ausgerechnet als die Strecke kurz über einen asphaltierten Wirtschaftsweg führt, höre ich vom Heck ein lautes „Pffffffffffffffffffffff“. Ein Loch im Reifen. „Die Dornen!“, wie der ortsansässige Bauer mir bald wissend darlegt.

„Macht nix“, denke ich. Der Redakteur von Welt hat schließlich vorgesorgt und vor dem Start auf Tubeless umgerüstet. Dichtmilch statt Schlauch. Die Flüssigkeit im Reifen wird das kleine Loch schnell abdichten. Die scheint aber nicht so recht in Stimmung zu sein und sprudelt stattdessen fröhlich aus dem kleinen Löchlein heraus. Wie ich den Reifen auch drehe und schwenke oder das Loch zuhalte, irgendwann ist die Luft raus. Ich ziehe einen Schlauch ein und habe anschließend ordentlich Dichtmilch an den Fingern. „Jetzt klebt sie übrigens“, werfe ich Dan zu, bevor es weitergeht. Doch schon bei den ersten Kurbeltritten bergan offenbaren sich schwerwiegendere Probleme: Die Oberschenkel rebellieren. Sie hielten ihr Tagewerk ob der kurzen Pause wohl bereits für getan und registrieren nun bestürzt, dass es doch weitergehen soll. Protest! Um das Unglück perfekt zu machen, biegt die Route in diesem Moment auf den Kolonnenweg der NVA ab, parallel zum ehemaligen innerdeutschen Grenzstreifen. Das bedeutet: Vor mir liegen holprige, gelöcherte Betonplatten, so weit das Auge reicht. Im Stakkato prasseln die Schläge auf mich ein, sobald ich von dem etwa zehn Zentimeter schmalen Steg zwischen den Löchern abweiche. Das nervt! Und schmerzt. Ich habe keinen Bock mehr. „Todesstreifen“ haben sie das hier genannt.

Noch mehr als 400 km bis Berlin. Und der Erste ist schon im Ziel! Martin Temmen aus Dortmund ist das Ding einfach durchgefahren. In weniger als 35 Stunden. Auf diesem Untergrund. Mit sechs Reifenschäden und einem nächtlichen Wildschwein-Zusammenprall im Todesstreifen. Unfassbar. Später gibt er zu, die Abenteuerfahrt deutlich unterschätzt zu haben. „Ich dachte, das wäre eher ein Brevet“, so der versierte Langstreckenfahrer. Am hinteren Ende des Feldes rollt Alexander auf seinem gewaltigen Fatbike in Richtung Hauptstadt – ganz gemütlich. Aktuell fährt er mehr als 100 km hinter uns durch Hessen.

Unterschätzt habe ich das Ding auch, und zwar in zahlreichen Aspekten. Das Equipment etwa (zu viel), oder die Strecke (zu schwer), vor allem aber die Temperaturen (zu niedrig). Sobald die Sonne weg ist, wird es richtig frisch. Nachtfrost inklusive. „Aber was das Pärchen aus Dresden kann, können wir auch“, entscheide ich. Und so gönnen sich Fotograf und Redakteur in der dritten Nacht ein Hotel in Bad Langensalza. Einem, soweit ich das überblicken kann, durchaus schönen Kurstädtchen in Thüringen. Einem Kurstädtchen, von dem ich noch nie zuvor etwas gehört hatte, wie ich zu meiner Schande gestehen muss. Aber genau darum geht es ja hier. Deutschland entdecken, die Menschen, die Schönheit der Natur, die Städte, die Wälder, die so nah am Zuhause liegen und doch oft so sträflich missachtet werden.

SCRATCH - BIMMELBAHN STATT BERLIN

314 km haben wir auf dem Tacho, als wir abends gegen 21 Uhr im Hotel einchecken. 314 statt der geplanten fast 500 Kilometer. Eigentlich hätten wir jetzt so allmählich im Ziel einrollen wollen. Um 2 Uhr wache ich auf. Nase, Kopf, Hals – alles zu. Vielleicht sind Camping bei Minusgraden und klamme Radklamotten doch keine ganz sinnvolle Kombination.

Und dann ist da auf eimal diese Stimme! Pseudo-gutgelaunte Morning-Show-Moderatoren im Radio sind mir ja von jeher ein Graus. Aber als mir die Dame während des Frühstücks aus den Lautsprechern auch noch irgendetwas von „starken Böen“ und „andauernden Regenschauern“ entgegenflötet, bricht das meinen Willen endgültig.

Statt im Sattel sitze ich daher keine Stunde später im Zug nach Hause. Vor mir liegen sieben Stunden Regionalexpress-Hopping statt 336 Zweiradkilometer nach Berlin. Endlich zu Hause angekommen, bringe ich noch das Carepaket auf den Postweg nach Berlin, dann sinke ich in ein warmes, kuscheliges Bett. Mein warmes, kuscheliges Bett. Bevor die schweren Augen schließlich zufallen, konzentrieren sie sich noch einmal kurz auf die Tracking-App auf dem Smartphone: Gut ein Drittel der 69 Teilnehmer des „Candy B. Graveller“ hat das Ziel am Luftbrückendenkmal auf dem ehemaligen Flugfeld Tempelhof mittlerweile erreicht. Ein Drittel hat aufgegeben. Und ein Drittel ist noch unterwegs. Mit Zelt, Schlafsack und Carepaket auf dem Fahrrad, irgendwo mitten in Deutschland, auf den Spuren der Rosinenbomber.

Candy B. Graveller 2022

Am 5. April startet die aktuelle Auflage des Bikepacking-Abenteuers auf den Spuren der Rosinenbomber. Mit neuem Modus und tollen Menschen. Wollt ihr dabei sein? Dann aber schnell, die wenigen Startplätze sind schwer begehrt.

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